Dialektik der Hygiene – Elsa Romfeld/Wolfgang Buschlinger

„Hygiene“ ist nicht nur als Programm der körperlichen Reinigung und Erhaltung der Gesundheit, sondern auch als Paradigma, als Weltanschauung zu verstehen. Die Philosophen Elsa Romfeld und Wolfgang Buschlinger zeigen auf Grundlage von Max Horkheimers und Theodor W. Adornos epochemachendem Werk „Dialektik der Aufklärung“ die Schattenseiten der Hygiene(-aufklärung) auf und wie sich der aufklärerische Impuls in sein Gegenteil verkehren kann. So wie die aufklärerische, aus der „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) befreiende Vernunft zur das Individuum verschluckenden Ideologie werden kann, kann sich die Hygiene vom Heilsversprechen für Individuum und Gesellschaft zum Zwang zu einem Leben im (vermeintlichen) „Reinraum“ entwickeln, der in seiner Ausschließlichkeit keinen Platz für Unreinheit mehr lässt. Dabei ist Leben im keimfreien Raum letztendlich von Vornherein nicht möglich. Der Mensch (wie auch andere Lebewesen) existiert in Symbiose mit unzähligen Mikroorganismen und die untrennbare Konnotation von Bakterien mit Krankheit und Unreinheit führt zu einem verkehrten Bild des Menschen und des Lebens generell, dass das Individuum in der Praxis der Hygiene vor eine von vornherein unlösbare Aufgabe stellt. Zudem funktioniert die klassische, dichotome Einteilung in „gut“ und „böse“ bei Viren und Bakterien nicht so einfach. Die Ausschließlichkeitsbehauptung des hygienischen Paradigmas führt letztendlich zu einer Schädigung des Individuums, da das Leben im Reinraum nicht nur nicht vollständig möglich, sondern unter gesundheitlichen Aspekten noch nicht einmal wünschenswert ist, der Gesundheit zugegen läuft. Dies lässt sich sehr gut an der Entstehung multiresistenter Erreger (MRE) aufzeigen, die ihre Antibiotika-Resistenz erst aufgrund maßlosen Umgangs mit diesen erlangen können. Historisch gesehen lässt sich (wenn der Hygiene-Diskurs hier auch bei weitem nicht der einzige gesamtgesellschaftlich wirksame Diskurs ist) die Vernachlässigung oder Ignorierung der ambivalenten Aspekte der Hygiene und ihrem Hang zur „totalen Reinigung“ in Deutschland von der ersten internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911 bis zum Wahn der Überwachung und Reinigung des „Volkskörpers“ im dritten Reich nachvollziehen. Der Mensch im wissenschaftsgläubigen, szientistischen Zeitalter wird, immer mehr aus seiner Individualität und Leiblichkeit herausabstrahiert, zum „Homo Faber“ und „homo oeconomicus“.

Vor dem Hintergrund der Einsicht, dass die „Abschaffung“ der Hygiene weder wünschenswert, noch durchführbar ist, bleibt doch die Forderung nach der genauen Analyse und Reflexion des weltanschaulichen Hygiene-Paradigmas, damit es sich nicht zuletzt des Individuums bemächtigt und es unterjocht. Gerade der Bereich des Lebendigen lässt sich zudem nicht isoliert in einem monopolistischen Hygiene-Diskurs beschreiben. Auch die Gefahr der Hygiene, die zum Selbstzweck wird, muss im Auge behalten werden. Hygiene, individuell wie auch gesellschaftlich, muss immer unter dem Aspekt verstanden und betrieben werden, dass sie letztlich einzig dem Wohle des Menschen dient.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

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